{"id":14841,"date":"2023-10-04T21:31:37","date_gmt":"2023-10-04T19:31:37","guid":{"rendered":"https:\/\/storie.de\/?page_id=11271"},"modified":"2026-03-30T17:12:03","modified_gmt":"2026-03-30T15:12:03","slug":"danksagung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/smartunity.space\/stories\/thema\/danksagung\/","title":{"rendered":"Danksagung"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-group alignwide is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\" style=\"padding-right:var(--wp--preset--spacing--20);padding-left:var(--wp--preset--spacing--20)\">\n<p class=\"tw-text-wide\">Eine Schriftstellerin, die im Nahen Osten aufgewachsen ist, muss ihren Leserinnen erkl\u00e4ren, warum man im Irak auf den H\u00e4usern unter den Sternen schl\u00e4ft. Sie muss die Hitze der Nacht schildern und die typische Architektur der flachen D\u00e4cher. Sie w\u00fcrde darauf verzichten, wendete sie sich an eine irakische Leserschaft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"tw-text-wide\">Was ist es, das ich schildern muss, um die qu\u00e4lende Hitze meiner N\u00e4chte einer Leserschaft verst\u00e4ndlich zu machen, die die Orte meiner Kindheit nie besucht hat und nie besuchen wird?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"tw-text-wide\">Ich habe oft davon geh\u00f6rt, wie es sich anf\u00fchlt, wenn man sich nach langer Trennung wiedersieht und vor Freude aufeinander losrennen kann. Aber meine Wirklichkeit besteht aus l\u00e4rmenden Einstiegshilfen, deren unendlich langsames Ausfahren jeden, wirklich jeden Stra\u00dfenbahnreisenden nervt, auch wenn sich jeder, wirklich jeder darum bem\u00fcht, nicht genervt auszusehen, um dem Verdacht der Diskriminierung zu entgehen. Am schlimmsten ist die Ungeduld des Fahrzeugf\u00fchrenden. Er ist der Chef, er m\u00fcsste \u00fcber den Dingen stehen, er m\u00fcsste freundlich bleiben k\u00f6nnen aus Professionalit\u00e4t. Aber ich bin nicht die einzige Rollstuhlfahrerin in der Stadt, also ist er von uns Rollstuhlfahrerinnen genervt, weil er mit uns Zeit verliert. Wer Zeit verliert, der ger\u00e4t in den Verdacht, seine Arbeit nicht richtig gemacht zu haben. Die Versp\u00e4tungen, die ich t\u00e4glich \u00fcberall ausl\u00f6se, setzen die Menschen, die mir helfen, unter Druck. Sie m\u00fcssen sich am Ende des Tages genauso rechtfertigen wie ich. Sie d\u00fcrfen nicht w\u00fctend sein auf mich, denn ich bin eine Behinderte, auf die man nicht w\u00fctend sein darf. Keiner darf sagen: \u201eDiese Schei\u00df Behinderten stehlen mir mit ihrer schei\u00df Behinderung die Zeit eines Gesunden!\u201c Also streiten sie sich abends lieber mit ihrer Partnerin.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"tw-text-wide\">Ich gab ein erb\u00e4rmliches Kind ab, das sich an den Spielen der anderen nur beteiligen konnte, wenn sie nichts mit Wegrennen, Verstecken oder anderen mir unm\u00f6glichen Bewegungsformen zu tun hatten. Wobei ich das mit dem Verstecken sogar versuchte. Ich sa\u00df also in irgendeinem Geb\u00fcsch und wartete darauf, entdeckt zu werden. Jedes halbwegs empathische Kind, versuchte das zu vermeiden, um mich nicht zu kr\u00e4nken. Ich wurde nie als Erste und nie als Letzte entdeckt. Meist als Zweite oder Dritte. Auff\u00e4llig unauff\u00e4llig bleiben im Umgang mit der Behinderten. <em>Die hat es ja schon so nicht leicht.<\/em> Politische Korrektheit ist die in angestrengte Sprache und zur Schau gestellte Tat sedierte Angst der Leute vor ihren eigenen Vorurteilen. Diese Vorurteile verschwinden nicht einfach durch politische Korrektheit. Im Gegenteil. Sie werden durch sie verborgen. Versteckspiel der Erwachsenen. Politische Korrektheit sch\u00fctzt diejenigen, die sich mit ihr schm\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"tw-text-wide\">Ich habe fr\u00fch gelernt, dem Erbarmen der anderen gegen\u00fcber dankbar sein zu m\u00fcssen. Danke, dass ich da sein darf. Mitten unter euch. Obwohl ich ein lebensunf\u00e4higes Gesch\u00f6pf bin. Gefesselt, beschr\u00e4nkt, angewiesen auf eure Hilfe. Danke, dass ihr mir helft, zu \u00fcberleben. Was ich eigentlich nicht verdient habe, weil es mir die Natur versagt hat, wird dank eurer zivilisatorischen Hilfe m\u00f6glich. <em>Danke.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"tw-text-wide\">Hauptwort des Lebens: Danke!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"tw-text-wide\">Unternehmen wir gemeinsam eine meditative Reise. Schlie\u00dfen Sie ihre Augen und sagen Sie hundertmal hintereinander: \u201eDanke!\u201c. Tun sie das jeden Tag morgens, mittags, nachmittags und abends. Vierhundertmal \u201eDanke\u201c pro Tag. Tun sie das einen Monat lang und unser Gespr\u00e4ch w\u00fcrde Schritt f\u00fcr Schritt auf die H\u00f6he seiner Beteiligten sinken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"tw-text-wide\"><em>Danke.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"tw-text-wide\">Supermarktregale, Arbeitsmarkt, Treppenh\u00e4user, T\u00fcrme. Landschaften als Hindernisse. Kulturr\u00e4ume, H\u00e4user, Sparkassen \u2013 alles wird auf Barrierefreiheit abgesucht. Der Blick der Behinderten. Wildnis bedeutet \u2026 nichts. Ich habe keine Vorstellung von diesem Begriff. Dieser Begriff verh\u00f6hnt mich. Leben hei\u00dft Disziplin, Dankbarkeit und emotionale Selbstkontrolle. Raste nicht aus. Bleib bei deinen gutm\u00fctigsten Erkenntnissen. Mach eine Therapie. Noch eine. Beginne das Trinken nicht. Nimm keine \u00fcberfl\u00fcssigen Tabletten. Ignoriere den Schmerz. Erwarte nichts. Sei dankbar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"tw-text-wide\">Nein. Doch. Ich bekomme allm\u00e4hlich eine Vorstellung vom Begriff Wildnis. Wildnis hei\u00dft das, was nicht existiert. Ich versuche, mir einen Dschungel vorzustellen und wie ich mich durchs Dickicht k\u00e4mpfe. Das Bild spielt mitten in Leipzig. Ich versuche, mir die Taiga, Tundra, das Eis Kanadas vorzustellen und wie ich darauf gleite. Tanz von Kraft um eine Mitte\u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"tw-text-wide\">Was f\u00fcr den Panther die St\u00e4be, sind mir die Speichen der R\u00e4der. Unaufh\u00f6rliches Spiel des Lebens: am Rad drehen. Ich muss dankbar sein f\u00fcr die R\u00e4der. Sie bringen mich fast \u00fcberallhin. Ich bin frei. Ich bin wild. Ich bin ein wildes Tier. Ich fahre auf dem Eis Kanadas Tango.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"tw-text-wide\">Ich kann meine Oma nicht besuchen. Meine Oma besucht mich. Sie geht sehr schlecht. Aber sie kommt ab und an und sieht nach mir. Letzte Woche hatte ich ihr gesagt, sie brauche sich gar keine M\u00fche machen, ich sei in Kanada Tango fahren. Sie mache sich Sorgen, erwiderte sie. Vier Tage sp\u00e4ter war sie tot. Vielleicht starb sie wegen der Sorgen um mich. Ich bin daran gew\u00f6hnt, schuldig zu sein, also bringt es mich nicht um, den Tod meiner Oma verursacht zu haben. Ich k\u00f6nnte Amok fahren und mich schuldig f\u00fchlen. Es w\u00e4re alles wie immer. Der Grad an Schuld macht irgendwann keinen Unterschied mehr, wenn alles Lebendige zig mal in das Gef\u00fchl der Schuld getaucht wurde. <em>Wildnis <\/em>ist nur ein anderes Wort f\u00fcr <em>Unschuld<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"tw-text-wide\">Ab und an reise ich mit dem Zug und fahre mit einer Standseilbahn auf einen Berg. Versuchen sie mal im Zug in einem Rollstuhl auf Toilette zu gehen. Haben sie mal jemanden begleitet, der im Zug im Rollstuhl auf die Toilette\u2026 F\u00fcr beide unangenehm. Immer. Soziale Kontakte hei\u00dfen Pflegerinnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"tw-text-wide\">Ich versuche, mir Inklusion als Wildnis vorzustellen. Die B\u00e4ume nehmen mich auf, ohne zu fragen, warum ich und wie ich und ob man mir\u2026 Ich schlafe in ihren Kronen. Irgendwie ist es weich, ich wei\u00df nicht warum. Ich will mir das nicht mehr \u00fcberlegen m\u00fcssen. Ich will, dass die Logik aufh\u00f6rt. Ich will, dass es keine Naturgesetze mehr gibt. Es gibt V\u00f6gel, die mir Krumen bringen, von denen ich mich ern\u00e4hre. Ich habe eine gute, wechselnde Aussicht auf meinem Baum. Der Wald, dem mein Baum zugeh\u00f6rt, reist immerzu. Er macht mal hier mal dort Halt. Ich sehe die Welt. Von oben. Krass. G\u00e4nsehaut. Wegen einer dummen, kindischen Vorstellung. Soweit davon weg bin ich also.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"tw-text-wide\">Ich habe immer den gleichen Traum: ich erwache und pl\u00f6tzlich stehe ich auf und gehe. Ich pr\u00fcfe im Traum, ob ich tr\u00e4ume, vergewissere mich, dass ich wach bin. Anschlie\u00dfend raste ich ziemlich aus und schmei\u00df alle R\u00e4der und das, was sie transportieren, aus dem Fenster. Ich k\u00f6nnte damit jemanden umbringen, aber ich denke im Traum nicht daran. Dann aber f\u00e4llt mir auf, dass ich gerade einen Rollstuhl aus dem Fenster warf und damit jemanden verletzt haben k\u00f6nnte und st\u00fcrme zum Fenster. In dem Moment wird mir klar, dass ich tr\u00e4ume und ich erwache. Das anschlie\u00dfende Gef\u00fchl absoluter, totaler, vollkommener L\u00e4hmung werde ich nicht zu beschreiben versuchen. Ich st\u00fcrze in mich zusammen, zerfalle in Teile, werde so schwer, dass eine Kuhle im Bett entsteht, verziehe das Gesicht zur abscheulichen Grimasse. Manchmal schreie ich. Manchmal weine ich. Danach starre ich an die Decke mit weit aufgerissenen Augen, als k\u00f6nne mich das Aufrei\u00dfen der Augen in eine Welt katapultieren, in der ich aufstehen und gehen kann. Mit dem Aufrei\u00dfen der Augen und der Notiz, dass dadurch keine Ver\u00e4nderung meines Zustands erreicht werden kann, endet meine Hoffnung. Die Reise geht zu Ende. Ich bin angekommen. Ich starre an die Decke und bin mir meiner Situation in wieder erlangter Klarheit bewusst. Ich tue noch eine Weile so, als w\u00e4re ich irre und starre weiter. Ich spreche mit der Decke und befrage sie nach dem Sinn des Lebens. Ich f\u00fchre dann manchmal einen fruchtbaren Dialog mit der sympathischen wei\u00dfen Decke, die nichts von mir fordert, die sich nicht beklagt \u00fcber den Schwei\u00dfgeruch, der mir seit meinem Traum anhaftet, eine vollkommen freundliche Decke schaut mich an, inklusiv und ausgebildet in allen Anti-Diskriminierungs-Workshops der Welt. Ihr Wei\u00df strahlt eine Unschuld aus, die mich an das Wesen der Wildnis erinnert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"tw-text-wide\"><em>Das Wesen der Wildnis lauert \u00fcberall<\/em>, denke ich dann. Auch in mir. Indem ich unschuldig bin, bin ich wild. Denn es geh\u00f6rt zur Wildnis dazu, dass wir alle ein Teil von ihr sind, aber niemand ist sie allein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"tw-text-wide\">Ich f\u00fclle meine Rolle aus. Ich trage zur Diversit\u00e4t bei. Das ist oft nicht sch\u00f6n. Aber es ist. Ich bin. Das gen\u00fcgt mir f\u00fcr den Rest dieser Nacht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"tw-text-wide\"><strong>Danke.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group is-nowrap is-layout-flex wp-container-core-group-is-layout-877c468d wp-block-group-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-group is-vertical is-layout-flex wp-container-core-group-is-layout-4b827052 wp-block-group-is-layout-flex\">\n<p>Autor:<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-style:italic;font-weight:400\">Benjamin Baumann<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"540\" height=\"540\" src=\"https:\/\/smartunity.space\/storiethek\/wp-content\/uploads\/sites\/8\/2023\/10\/profilbenjb.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-14029\" style=\"object-fit:cover;width:50px;height:50px\" srcset=\"https:\/\/smartunity.space\/stories\/wp-content\/uploads\/sites\/8\/2023\/10\/profilbenjb.webp 540w, https:\/\/smartunity.space\/stories\/wp-content\/uploads\/sites\/8\/2023\/10\/profilbenjb-300x300.webp 300w, https:\/\/smartunity.space\/stories\/wp-content\/uploads\/sites\/8\/2023\/10\/profilbenjb-150x150.webp 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Schriftstellerin, die im Nahen Osten aufgewachsen ist, muss ihren Leserinnen erkl\u00e4ren, warum man im Irak auf den H\u00e4usern unter den Sternen schl\u00e4ft. 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